SINN & MARKE.
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02 | POSITIONIERUNG
Wann braucht ein erfolgreiches Unternehmen eine neue Positionierung?
Unternehmen verändern sich. Angebote wachsen, neue Geschäftsfelder entstehen, Märkte verschieben sich. Irgendwann kann zwischen dem Unternehmen, das tatsächlich existiert, und dem Bild, das der Markt von ihm hat, eine Lücke entstehen. Genau dort beginnt die Frage nach einer neuen Positionierung.
Sandra Gerbholz
21.09.2026

Erfolg macht Unternehmen selten einfacher.
Ein Produkt funktioniert. Kunden fragen nach weiteren Lösungen. Know-how entsteht. Neue Geschäftsfelder kommen hinzu. Aus einer Sonderlösung wird ein reguläres Angebot.
Jede einzelne dieser Entscheidungen kann richtig sein.
Nur wächst die Position eines Unternehmens im Markt nicht automatisch mit.
Nach zehn oder zwanzig Jahren kann deshalb etwas Merkwürdiges passieren: Das Unternehmen ist wirtschaftlich längst ein anderes geworden. Seine Wahrnehmung ist es nicht.
Kunden kennen es noch für das Produkt, mit dem es einmal groß geworden ist. Neue Leistungen müssen im Vertrieb erst erklärt werden. Auf der Website stehen immer mehr Kompetenzen nebeneinander. Und irgendwann fällt im Kundengespräch dieser scheinbar erfreuliche Satz:
„Ach, das macht ihr auch?“
Vielleicht sollte man sich darüber weniger freuen.
Denn er kann darauf hinweisen, dass zwischen der tatsächlichen Kompetenz eines Unternehmens und seiner Position im Kopf der Kunden eine Lücke entstanden ist.
Wachstum verändert Unternehmen. Nicht automatisch ihre Position.
Kunden speichern keine Organigramme. Sie kennen nicht jedes Geschäftsfeld und jede Kompetenz eines Lieferanten. Sie reduzieren.
Ein Unternehmen kann zehn Dinge hervorragend können und trotzdem hauptsächlich mit einer einzigen Sache verbunden werden.
Solange diese eine Sache auch für die Zukunft entscheidend ist, kann das ausgesprochen wertvoll sein.
Schwieriger wird es, wenn die wirtschaftliche Entwicklung längst in eine andere Richtung zeigt. Wenn ein Unternehmen noch für einzelne Produkte bekannt ist, während Wachstum und Wertschöpfung zunehmend aus anderen Leistungen, Services oder Geschäftsfeldern entstehen.
Dann stellt sich eine wesentlich wichtigere Frage als die nach einem neuen Marktauftritt:
Sind wir heute für das bekannt, womit wir morgen erfolgreich sein wollen?
LEGO musste entscheiden, was von all seinen Möglichkeiten wirklich LEGO war.
Anfang der 2000er-Jahre hatte LEGO sein Geschäft stark erweitert. Die wirtschaftliche Entwicklung war dramatisch: 2004 setzte der Konzern 6,7 Milliarden Dänische Kronen um und verbuchte im fortgeführten Geschäft einen Vorsteuerverlust von rund 1,24 Milliarden Kronen.
Die Antwort darauf war keine neue Werbekampagne.
LEGO konzentrierte sich wieder stärker auf sein Kerngeschäft, reduzierte Komplexität und trennte sich von Aktivitäten, die nicht zwingend selbst betrieben werden mussten. Die LEGOLAND-Parks wurden beispielsweise als nicht zum künftigen Kerngeschäft gehörend behandelt.
Und es blieb nicht bei einer strategischen Absicht.
Bereits 2005 drehte sich das Ergebnis deutlich: Aus einem Vorsteuerverlust von 1,688 Milliarden Dänischen Kronen im Vorjahr wurde ein Vorsteuergewinn von 702 Millionen Kronen. LEGO gewann gleichzeitig weltweit Marktanteile. Das Unternehmen weist selbst darauf hin, dass neben der strategischen Neuordnung auch Restrukturierungseffekte und Abschreibungen des Vorjahres eine wichtige Rolle bei diesem Ergebnissprung spielten.
Gerade deshalb ist der Fall interessant.
Nicht „bessere Positionierung“ allein rettete LEGO. Die Konzentration auf den Kern war Teil einer viel größeren unternehmerischen Entscheidung über Portfolio, Kosten, Ressourcen und Zukunft.
Dahinter steckt eine Frage, die auch ein gesundes Unternehmen stellen kann:
Welche unserer heutigen Leistungen würden wir noch einmal bewusst in unser Unternehmen aufnehmen, wenn wir heute neu entscheiden könnten?
Manche Angebote existieren nicht deshalb, weil sie für die Zukunft wichtig sind.
Sie existieren, weil sie irgendwann entstanden sind.
„Können wir“ und „sollten wir dafür bekannt sein“ sind zwei unterschiedliche unternehmerische Aussagen.
Je mehr ein Unternehmen kann, desto wichtiger wird die Hierarchie.
Genau hier wird Positionierung schwierig.
Geschäftsführungen wollen verständlicherweise zeigen, was über Jahre aufgebaut wurde. Jeder Unternehmensbereich hat gute Gründe, sichtbar zu sein.
Also bekommt alles seinen Platz: auf der Website, in der Präsentation, im Vertriebsgespräch.
Und aus einem starken Unternehmen wird kommunikativ eine Aufzählung.
Das Problem ist nicht die Vielfalt.
Das Problem ist die fehlende Hierarchie.
Was ist der Kern? Was soll wachsen? Was öffnet die Tür zum Kunden? Was beweist zusätzliche Kompetenz? Und was kann ein Unternehmen hervorragend, ohne deshalb seine Marktposition bestimmen zu müssen?
Positionierung reduziert nicht zwangsläufig das Geschäft.
Sie entscheidet, was davon im Markt Bedeutung bekommen soll.
Manchmal liegt die Zukunft ausgerechnet in dem, was längst da ist.
Burberry liefert dafür gerade ein aktuelles Beispiel.
Im November 2024 startete das Unternehmen „Burberry Forward“. Statt immer neue Gründe zu suchen, warum Burberry relevant sein könnte, rückte die Marke ihre britische Herkunft und ihre stärksten Produktkategorien wieder ins Zentrum.
Outerwear und Schals bekamen Priorität. Der Trenchcoat, das Burberry Check und die britische Herkunft wurden wieder stärker herausgestellt. Dahinter steht ein bemerkenswert einfacher strategischer Grundsatz: Burberry sieht die größten Chancen dort, wo die Marke die größte Authentizität besitzt.
Auch hier interessiert vor allem, was danach passierte.
Im Geschäftsjahr 2025/26 entwickelten sich Outerwear und Schals in der zweiten Jahreshälfte mit zweistelligen Wachstumsraten. Die vergleichbaren Filialumsätze drehten von minus 12 Prozent im Vorjahr auf plus 2 Prozent. Der bereinigte operative Gewinn stieg von 26 auf 160 Millionen Pfund.
Ganz so einfach wie „neu positioniert, Problem gelöst“ ist es allerdings auch hier nicht. Der Gesamtumsatz lag mit 2,42 Milliarden Pfund weiterhin leicht unter dem Vorjahr, und Burberry erzielte zugleich 80 Millionen Pfund Kosteneinsparungen. Das Unternehmen befindet sich also noch mitten im Turnaround.
Aber gerade diese Differenzierung macht den Fall interessant.
Positionierung ersetzt keine gute Unternehmensführung. Sie gibt ihr eine Richtung.
Bei Burberry zeigt sich diese Richtung inzwischen im Produkt, in den Geschäften, im E-Commerce und in der Kommunikation – und erste wirtschaftliche Kennzahlen bewegen sich mit.
Bevor die Website verändert wird, sollte die Zukunft sortiert sein.
Dass die Position eines Unternehmens nicht mehr stimmt, fällt häufig zuerst im Marketing auf.
Die Website passt nicht mehr. Die Präsentation ist zu voll. Der Vertrieb erklärt zu lange. Neue Leistungen werden kaum wahrgenommen.
Dann beginnt schnell die Arbeit an Texten, Design oder Kampagnen.
Doch möglicherweise liegt das Problem eine Ebene früher.
Keine Website kann beantworten, welches Geschäftsfeld in fünf Jahren strategisch wichtiger sein soll. Und kein Claim kann eine fehlende Priorität ersetzen.
Ob diese Lücke im eigenen Unternehmen existiert, lässt sich erstaunlich einfach prüfen.
Der Drei-Spalten-Test
Ein Blatt Papier. Drei Überschriften:
Wofür sind wir heute bekannt?
Was würden Kunden tatsächlich nennen?
Womit verdienen wir heute unser Geld?
Welche Produkte, Leistungen und Kundengruppen tragen das Geschäft?
Womit wollen wir in fünf Jahren unser Geld verdienen?
Welche Angebote, Märkte und Kompetenzen sollen dann den größten Beitrag leisten?
Steht in allen drei Spalten im Wesentlichen dasselbe, gibt es vermutlich keinen grundsätzlichen Anlass für eine neue Positionierung.
Spannend werden die Abweichungen.
Und wenn in allen drei Spalten etwas anderes steht, sollte wahrscheinlich nicht als Erstes die Website überarbeitet werden.
Dann gibt es vorher eine wichtigere Entscheidung:
Welches dieser Unternehmen soll der Markt künftig eigentlich sehen?
Denn möglicherweise versteht der Markt das Unternehmen gar nicht falsch.
Vielleicht zeigt man ihm nur noch immer ein Unternehmen, das es so längst nicht mehr gibt.
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